Stellungnahme zu den Reformplänen der Bundesregierung zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

Fürth, 04.07.2026

“Wir finden uns mit den nach Corona exorbitant gewordenen Krankenständen in den Unternehmen nicht ab. Wir schaffen die telefonische Krankschreibung ab und führen die Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag ein.”

So stellte Bundeskanzler Friedrich Merz am 02.07.2026 Teile des 34 Punkte umfassenden Reformpakets des Koalitionsausschusses vor. Nicht nur Gewerkschaften und Hausärzteverbände kritisieren diese Pläne, sondern auch die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Lufthygiene e.V. (DAGL) hält sie für gesundheitspolitisch verfehlt, da sie die Ursachen der hohen Krankenstände nicht adressieren.  

Ziel dieser Reformpläne soll sein, durch verschärfte Regelungen der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) Fehlzeiten in den Unternehmen und missbräuchliche Krankschreibungen zu verringern, um dadurch Deutschland wirtschaftlich wettbewerbsfähiger zu machen. 

Sehen wir uns die Gründe der “exorbitant gewordenen Krankschreibungen seit Corona” einmal genauer an, spricht wenig dafür, dass diese Reform das erwünschte Ziel erreichen wird – im Gegenteil. 

Gründe der Arbeitsunfähigkeit

„Statt Arbeitnehmer*innen und Praxen unter Generalverdacht zu stellen und zusätzliche Bürokratie aufzubauen, sollten wir die wahren Ursachen der hohen Krankenstände anerkennen und darauf richtig reagieren“, erklärt Dr. Jörg Danzer, Vorstand der DAGL. 

Mehr als ein Drittel aller registrierten Arbeitsunfähigkeiten geht laut dem AOK-Fehlzeiten-Report 2025 auf Atemwegserkrankungen zurück. Sie sind damit die häufigste Ursache für Krankschreibungen mit einer durchschnittlichen Fehlzeit von sechs Tagen.

Seit Ende 2019 zirkuliert mit SARS-CoV-2 neben Influenza-, Rhino-, Adeno- und weiteren überwiegend luftübertragenen Viren ein zusätzlicher Erreger in der Bevölkerung. Dadurch hat sich die Gesamtlast viraler Infektionen erhöht und damit auch das Potenzial für krankheitsbedingte Arbeitsausfälle. Eine Studie mit Daten von 158 Millionen Beschäftigten in den USA fand im Oktober 2025 Hinweise darauf, dass Covid-19 die Krankenstände langfristig erhöht hat und eine “möglicherweise neue, ganzjährige Grundrate für Arbeitsausfälle” entstanden ist (Dennett et al 2025). Hinzu kommt, dass Covid-19 das Immunsystem beeinträchtigen und dadurch die Anfälligkeit für Folgeinfektionen mit anderen Viren und Bakterien begünstigen kann. Darüber hinaus besteht nach einer Covid-Infektion ein relevantes Risiko für die Entwicklung von Long-COVID, das nach aktuellen Schätzungen bei etwa zehn Prozent liegt. Sechs Jahre nach Pandemiebeginn verkennen die geplanten Reformen diese neu dazugekommenen Faktoren von Krankenständen: Weder der Wegfall der telefonischen Krankschreibung noch eine AU-Pflicht ab dem ersten Krankheitstag werden daran etwas ändern können.

Telefonische Krankschreibung und statistische Effekte

Die telefonische Krankschreibung gilt in dem Reformpaket als ein Hebel zur Verringerung der Krankmeldungen. Doch sie hatte in den Jahren 2020-2023 lediglich einen jährlichen Anteil von 0,8 bis 1,5 Prozent aller AU-Bescheinigungen. Laut Auswertung der AOK und DAK liegt der statistische Anstieg an Krankmeldungen zudem auf die zwischenzeitlich eingeführte elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) zurückzuführen. Es wurden dadurch auch Fälle von Kurzzeit-Erkrankten erfasst, die zuvor nicht an die Krankenkassen gemeldet wurden – eine damalige Dunkelziffer, die nun Teil der Statistik ist. 

Krankheitsprävention in den Fokus stellen und in gesunde Raumluft investieren

“Wir sollten den Fokus von Krankmeldungen auf Krankheitsprävention verschieben und in gesunde Raumluft investieren”, fordert Florian Weber, Vorstand der DAGL.

Ob im Büro, in der Arztpraxis, im Klassenzimmer oder in der Kita, in Innenräumen herrscht häufig dicke Luft. Ein ausreichender Luftaustausch ist vielerorts selten gewährleistet. Dies führt nicht nur zu hohen CO₂-Konzentrationen und daraus resultierenden Beeinträchtigungen der kognitiven Leistungsfähigkeit, sondern fördert auch die Verbreitung von luftübertragenen Krankheitserregern wie Atemwegserkrankungen. 

Seit Max von Pettenkofer vor über 150 Jahren ist bekannt, dass Lufthygiene in Innenräumen die Gesundheit, Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden von Menschen maßgeblich beeinflusst. Statt nun also Arbeitnehmer*innen unter Generalverdacht zu stellen, sollten wir die Krankheitsfälle anerkennen, Prävention in den Fokus stellen und in gesunde Raumluft investieren. Das kann Fehlzeiten effektiv reduzieren und gleichzeitig die Leistungsfähigkeit steigern.

Das Resultat der geplanten Reformen wären noch vollere, schlecht belüftete  Wartezimmer u.a. als Hotspots mit infektiösen Personen, die vermeidbare weitere Krankschreibungen zur Folge hätten. Gleichzeitig ist mit zunehmendem Präsentismus und entsprechenden Leistungseinbußen zu rechnen. 

Wir fordern stattdessen verbindliche und überprüfbare Vorgaben für die Luftqualität in Innenräumen durch Hochleistungspartikelfilter (HEPA)-Luftfilterung sowie einen bedarfsgerechten Luftaustausch auf Grundlage einer kontinuierlichen CO₂ -Messung. Dadurch würden die Ursachen adressiert und die Fehlzeiten nachhaltiger verringert.